GUSTL - Ein Hund für alle Fälle

 Filmtiertrainerin Renate Hiltl berichtet

 

Mein Name ist Renate Hiltl, Jahrgang 1964 und seit 1979 von Beruf selbstständige Filmtiertrainerin. Von mir trainiert wurden unter anderem "Willy Wuff" und der Königspudel aus "Dognapping", verschiedene Frolic-Werbungen usw. Und eben Gustl vom Hause Holzhauer, der kleine Zwergschnauzer und Hauptdarsteller des Films "Ein Hund für alle Fälle". Der Film wurde Ende April bis Anfang Juni 2001 in Bad Tölz, Wasserburg und München gedreht und feierte am 21. April 2002 seine Premiere im ZDF.

 

Wie alles begann

 

Bevor ein Hund in einem Film - und im besonderen, wenn es sogar eine Hauptrolle ist - mitspielt, muss er natürlich erst einmal vorbereitet und nach den Anforderungen eines Drehbuches trainiert werden. Da komme dann ich ins Spiel.

  Ein tierischer TV-Star wird gesucht: die Bewerbung 

In diesem Fall war es so, dass die Produzenten das Drehbuch schon vorliegen hatten und dementsprechend einen geeigneten Hund dazu suchten. Erst einmal nahmen sie die Suche in Amerika auf. Als ich hörte, dass die Produktion Polyphon einen Film mit einem Hund in der Hauptrolle drehen wollte, habe ich mich beworben und das Drehbuch angefordert. Bis dahin wusste ich noch nicht, welch ein Hund überhaupt gefragt war.

  Gustl ist's!

Als ich das Drehbuch aber las, kam für mich nur einer meiner 11 Hunde in Frage - und das war Gustl. Beim Lesen dachte ich immer wieder an Gustl und konnte mir vorstellen, dass er von der Ausstrahlung und Optik genau der Richtige war. Ich stellte ihn der Produktion per Fotos vor und legte auch einige schriftliche Referenzen bei, um neben den amerikanischen Trainern und ihren Angeboten auch noch eine Chance zu haben. Ich hatte Glück: Gustl und meine bisherigen Arbeiten gefielen, wir bekamen den Zuschlag.

  Die Zeit eilt - 2 Monate Vorbereitungszeit müssen reichen

So, nun ging es aber erst richtig los. Für sämtliche Anforderungen des Drehbuches an Gustl hatten wir genau zwei Monate Trainingszeit zur Verfügung. Eigentlich verdammt wenig.

Gustl war damals 22 Monate alt. Er hatte bis dahin gerade mal eine Grundausbildung, die aus "Sitz", "Platz", "Steh", "Gib Laut" und "Bringen" im Anfangsstadium bestand. Also fingen wir mit dem Training laut Drehbuch an. Wir, das sind Gustl, mein Mann Waldemar als Co-Trainer und ich.

  Die Requisiten müssen her

Als erstes machte ich mich daran, von der Produktion alle Spielrequisiten anzufordern. Also alles, mit dem der Hund in Berührung kam und Spiel hatte. Das waren zum Beispiel die Sporttasche, in der er versteckt wurde, die Kiste am Fahrrad, die Bombe, den Ball, den er unter dem Bett im Maul haben sollte, die Tischdecke, den Schuh des alten Herrn, das Halsband mit Anhänger und so weiter.

Dieses Vorgehen ist sehr wichtig. Als Filmtiertrainer sollte man nichts, aber auch gar nichts, dem Zufall überlassen, man weiß nie. Wartet man mit den Dingen bis zum Drehtag, kann es zu unliebsamen Überraschungen kommen. Zum Beispiel könnte die Bombe zu schwer, die Tasche zu klein, der Schuh zu groß sein. Oder die Dinge haben einen eigenartigen Geruch und der Hund muss sich erst daran gewöhnen. Noch ein Vorteil, mit den Originalrequisiten zu trainieren, besteht darin, dass, wenn der Hund an den jeweiligen Drehort kommt und das dazugehörige Requisit entdeckt, er meist sofort weiß, was er zu tun hat. Das sollte sich gerade im Fall von Gustl genau so herausstellen.

Das Training - Gustl wird fit gemacht 

 

Jetzt zum Training selbst.

  ...ein Fall für den Clicker! Gustl wird konditioniert

Meiner Meinung nach war das ein Fall für den Clicker. Schneller und effektiver zu trainieren war kaum möglich. Also gesagt getan: Gustl wurde auf den Clicker konditioniert. Ich brauche wohl niemandem zu erzählen, dass dies bei einem Hund, der auch noch liebend gern kleine Belohnungen erhält, keinen großen Zeitaufwand bedeutet.

  Target-Training für den Einstieg

Ich fing nach der Konditionierung mit dem Targetstick an. Ich liebe es, wenn man richtig zuschauen kann, wie es beim Hund "Click" macht. Am besten kann man das (finde ich) bei der Arbeit mit dem Targetstick sehen. Der Moment, in dem der Hund checkt, worauf es ankommt, ist für mich das Schönste. So auch bei Gustl: Schnell begriff er, dass er die Spitze des Sticks mit der Nase anstupsen sollte. Wenn er dies dann noch in allen unerdenklichen Positionen macht, ist das für mich ein Zeichen, dass er kapiert hat, um was es geht.

  Gustl bringt's: Bombiges Apportieren 

Natürlich hatte ich mir ein Konzept zurecht gelegt, um bei den sehr vielen verschiedenen und doch manchmal auch wieder sehr ähnlichen Arbeiten schnell voran kommen zu können.

Als erstes nahm ich mir das Apportieren vor. Immerhin musste Gustl viele verschiedene Dinge im Film apportieren: einen Kugelschreiber, eine für ihn sehr große und schwere "Bombe", einen Schlüsselanhänger, einen Schuh, eine Packung Taschentücher usw.

Das Problem bei Gustl war, dass er unheimlich viel an den Gegenständen knautschte und sie ihm dann beim Bringen oft aus dem Maul fielen. Also war der erste Schritt des Clickens der, dass Gustl sitzen musste, ich ihm ein ca. 30 cm langes, leichtes und für ihn angenehmes Holzstück vor die Nase hielt und er es aufnahm. Das war kein Problem, das konnte er ja schon.

Ich clickte zuerst wirklich sehr kurze Zeiten, in denen er das Holz einigermaßen ruhig hielt. Wenn er dies ausdauernd gut zeigte, verlängerte ich die Zeit kaum merklich und clickte dann erst. Dann clickte ich nur noch, wenn er das Holz wirklich nur ganz ruhig hielt, da ging ich auch mit der Zeitanforderung wieder zurück. Nach und nach erhöhte ich die Anforderungen in Länge der Zeit und ruhigem Halten.

Nach nur sechs Einheiten je ca. 4-5 Minuten an zwei Tagen war es gebongt. Der Gustl saß wie hingemeisselt und hielt sein Holzstück sehr stolz.

Der nächste Schritt war, dass er mir das Holz entgegen bringen sollte. Ich ging ein Stück von ihm weg, und wenn er sich mit dem Holz in Bewegung setzte, clickte ich, und er bekam seine Belohnung. Das machte ich genau zweimal, danach wusste der Gustl, dass er kommen sollte, wenn ich ihn rief, und da ich ihm ja zuerst den letzten Schritt beigebracht hatte (vor mir sitzen und das Holz halten), setzte sich Gustl sofort vor mich hin und wartete geduldig, bis ich ihm das Holz aus dem Maul nahm.

Bis dahin hatte ich noch kein Kommando eingeführt. Ich wollte warten, bis der Gustl das Holz selbstständig von überall aufhob. Das ging aber total schnell innerhalb einer Übungseinheit: Ich legte das Holz auf den Boden und clickte, als der Gustl sich auf den Weg zum Holz machte. Ich dachte, er würde jetzt kommen, um seine Belohnung zu holen, aber falsch gedacht, der Gustl war einfach schon weiter. Er nahm das Holz auf und brachte es mir wirklich bilderbuchmäßig.

Von da ab brachte er mir das Holz von jeder Position und ich konnte ganz einfach und schnell das Kommando "Bring" einführen.

Nun sollte Gustl im Film aber natürlich kein Stück Holz bringen, sondern verschiedene Gegenstände. So fing ich bei jedem neuen Gegenstand wieder mit dem aller ersten Schritt an. Gustl saß vor mir (ich kniete vor ihm), ich hielt den Gegenstand vor ihn und sobald er sich dafür interessierte, clickte ich.

Der Gustl nahm eigentlich jeden Gegenstand nach dem ersten Clicken sofort auf. Er wusste sofort, was ich wollte und ich konnte ihn per Kommando dazu bewegen, mir die Dinge zu bringen. Bei einigen Gegenständen, zum Beispiel bei der Bombe, hatte er manchmal etwas Probleme, sie zu halten und zu tragen. Ich clickte dann erst mal seinen guten Willen an, und danach immer, wenn es einen Tick besser wurde. Schon bald hatte Gustl seine eigene Technik heraus, wie er jeden Gegenstand aufnehmen und zu mir bringen konnte.

 

  Am sechsten Tage sollst du ruh’n: Pause für Gustl!

Nach fünf Tagen machten wir erst mal drei Tage Pause und clickten und arbeiteten gar nichts. Ich bin der Meinung, dass es dem Hund gut tat, wenn wir auch mal nichts machten und sich alles erst mal „setzen ließen“. Der Erfolg gab mir Recht: Gustl war danach noch motivierter und voll bei der Sache. Mein Mann dachte, dass das sehr riskant wäre: Wir hätten doch nicht so viel Zeit und noch so viel zu tun, aber ich wollte Gustl auf keinen Fall überfordern oder ihm den Spaß an der Sache nehmen. Ich glaube, das sieht man dann auch im Film, wenn der Hund überfordert ist und nur noch wie eine Maschine arbeitet.

  Die nächste Herausforderung wartet: Einsatz in der Badewanne

Nach dieser Pause fingen wir an, ihn zu lehren, dass er einen Badestöpsel aus der vollen Badewanne ziehen sollte. Zuerst ließ ich ihn die Kette beschnuppern und einfach nur ins Maul nehmen. Dann hielt mein Mann die Kette und ich schickte den Gustl hin, um sie zu holen.

Der nächste Schritt war, dass wir auch den Stöpsel selber an der Kette befestigten. Gustl wurde nur belohnt, wenn er mit dem Maul an die Kette ging und sie uns brachte. Wenn die Wanne erst einmal mal voll war und auch noch ein Mensch darin lag, würde er auch nicht direkt  an den Stöpsel herankommen, sondern nur an die Kette, und deshalb wollte ich ihm die Sache von vorn herein so leicht wie möglich machen.

Als er also die Kette mit dem Stöpsel zuverlässig und immer nach Verlangen brachte, gingen wir wieder einen Schritt weiter. Wir klebten die Kette leicht an die Innenseite der Wanne und Gustl sollte sie bringen. Die ersten Male halfen wir ihm, indem wir ihm die Kette zeigten. Das war aber wirklich nicht häufig nötig. Er begriff sehr schnell, was wir wollten. Er sprang auf einen Stuhl und holte die Kette, und da sie ja nur leicht angeklebt war, konnte er sie einfach nehmen und mir bringen.

Als dies auch gut klappte, legte sich mein Mann Waldemar in die volle Wanne, damit Gustl nicht erst beim Drehen mit dieser Situation konfrontiert wurde. Wie ich schon einmal erwähnte, ist dies sehr wichtig. Alles, was beim Dreh auf den Hund zukommen könnte, sollte unbedingt vorher geübt sein. Jede Situation. Die Kette befestigten wir immer so, dass Gustl sie nach kurzem Anziehen an dieser nehmen konnte und sie mir wieder brachte.

Beim Drehen dann musste die Kette aber aus technischen Gründen original angebracht werden. Das hieß, dass der Gustl die Kette nicht ab bekam und wir entsprechend die Übung einfach früher abbrechen wollten. Da hatten wir aber die Rechnung ohne Gustl gemacht: Die Kamera lief also und der Gustl - im Film ja „Wastl“ - begann mit seiner Rettungsaktion. Er lief ins Bad, orientierte sich, sah die Situation, sprang wie eintrainiert auf den Hocker, ergriff die Kette und zog mustergültig daran.

Der Regisseur klatsche sogar in die Hände, weil es gleich so gut klappte. Er sagte "Cut", was so viel heißt wie "Szene ist im Kasten". Ich sprach Gustl an und wollte ihn belohnen, aber er dachte, dass er seine Arbeit noch nicht gut genug gemacht hätte. Immerhin hatte er doch die Kette noch nicht zu mir gebracht. Er zog also immer fester und fester an der Kette und wurde sogar etwas wütend, weil die sich nicht lösen ließ. Was soll ich sagen: Er zog so fest daran, dass er die ganze Verankerung aus der Wanne riss, um mir dann stolz die Kette zu bringen. Das hört sich sehr abenteuerlich an, aber genau so war es. Der kleine Gustl ist halt wirklich ein kleiner Kämpfer und Perfektionist!!!

Ich könnte hier noch viele Beispiele nennen, wie wir den Hund Schritt für Schritt an die geforderten Aufgaben heranführten - aber das würde den Rahmen des Berichtes sprengen.

  Auch das ist wichtig: Kennenlernen von Schauspieler-Kollegen und Drehorten

Erwähnen möchte ich aber doch, dass wir den Gustl noch in der Zeit vor Drehbeginn mit den Schauspielern bekannt machten, und das in ganz privater Umgebung. Die Schauspieler kamen zu uns, wir gingen spazieren, unterhielten uns. Ein Schauspieler spielte mit dem Hund im Garten und bevor er ging, fütterte er den Hund mit ganz tollen Leckerbissen. Im Fall von Gustl war das in Erdnussöl gebratene Hühnchenbrust - darauf steht er halt!

Vierzehn Tage vor dem eigentlichen Drehbeginn sahen wir uns die verschiedenen Drehorte an und spielten mit Gustl dort, ohne überhaupt die eigentlichen Anforderungen abzuverlangen. So behielt Gustl die jeweiligen Orte in guter Erinnerung.

 

Es geht los! ...und Gustl geht’s gut

 

Nach zwei Monaten Vorbereitung war nun endlich der Drehbeginn.

  Gustls Wohlergehen ist wichtig: ein nettes Filmteam sorgt dafür

Es war ein sehr nettes Filmteam: Besonders der Regisseur, der Kameramann und der Hauptdarsteller Helmut Zierl bemühten sich sehr um Gustl.

Bei dem Regisseur kam uns zugute, dass er schon einige Folgen "Kommissar Rex" gedreht hatte. So wusste er genau, wie ein Hund richtig in Szene gesetzt werden sollte, welche Szene besser im Schnitt aufgelöst werden musste, dass man einen Hund nicht zu lange warten lassen darf und vor allem, dass es wichtig war, sich mit dem Trainer vor jeder neuen Anforderung kurz zu schließen, um für den Hund alles so angenehm wie möglich gestalten zu können.

  Zu zweit geht alles besser - mit Schneewittchen erst recht 

Dazu gehörte auch, dass der Gustl immer seine „Freundin“ Schneewittchen zu den Dreharbeiten mitbringen durfte, so konnte er sich in den Pausen gut erholen, an Schneewittchen gekuschelt schlafen, mit ihr spielen usw. Ansonsten waren keine anderen Hunde am Set erlaubt, um Gustl, der sehr gerne mit anderen Hunden spielt, nicht abzulenken.

  Sechs Wochen Arbeit - und Gustl ist mit Spaß dabei

Nach sechs Wochen Drehzeit waren die Filmaufnahmen zu Ende und wir alle sehr froh, dass Gustl nicht schlapp gemacht hatte. Nicht ein einziges Mal machte er Anzeichen, überfordert zu sein oder keinen Spaß an der Sache zu haben. Darauf sind wir auch heute noch stolz, denn es verlangt sehr viel Einfühlungsvermögen und Nähe zum Hund, um zu erkennen, wann es genug ist - und das eben, lange bevor man deutlich sehen kann, dass ein Hund müde ist.

  Aufhören, wenn es am schönsten ist

Aber ich denke, dass ich das Clickerfreunden erst gar nicht erzählen muss, denn wie heißt es so schön: Wenn es am schönsten ist und am besten klappt, sollte man aufhören, um seinen Vierbeiner auf keinen Fall zu überfordern!

 

In diesem Sinne alles Liebe an alle Freunde der Vierbeiner und von www.spass-mit-hund.de

Filmtiertrainerin Renate Hiltl 

 

© Renate Hiltl 2002
Kontakt: info@filmtierranch.de